Herren der Lüfte

Riesenrochen schwimmen über der Ruinenstadt. Auf ihrer Eisenhaut bricht Morgenlicht und ihre Flossen rudern in vereinter Ruhe, dass selbst Vögel sie begleiten.

Wie ein Riff erstreckt die Stadt sich bis zum Horizont. In ihrem Herzen gähnt ein Abgrund ohne jede Regung. Nur an den Fransenrändern blinzelt Feuerschein und tuscheln kleine Wesen.

Dorther schrillt der Schrei. Aus Fenstern starren Mündungsrohre auf die Rochen. Hinter einem duckt sich der Veteran. „Sh. Ich werde sie herunterholen.“ Sein Wort fällt in Schweigen. Seine Schüsse finden Brüder für die Jagd.

Stille. „Vielleicht bringen sie uns Strom. Der Krieg ist doch vorbei.“ Und in dem Raum entbrennt Geflüster. Blicke flackern zu den Eisenfischen. „Vielleicht tragen sie ja Sterne.“ „Vielleicht gehören sie zu uns.“ Raunen nährt den Hoffnungsfunken. Frisches Wasser, frisches Essen, oder sogar einen Arzt.

„Gebt das Fernglas und ich sag euch, ob sie Sterne haben.“ Der Veteran hustet. Blutstaub glüht auf der verkohlten Fensterbank. Das halbe Fernglas findet seinen Weg in fiebrig heiße Hände. Er schaut. „Wurde auch mal Zeit. – Es ist die Europäische Armee!“ Der Ausruf brandet durch die Stadt und wird von Mund zu Mund getragen.

Unter den Rochen strömen Menschen auf die Straßen. Gleich weißen Schuppen schimmern Glatzen und Gesichter und sie tummeln sich und stolpern über Knochen von Gefährten. Jubel tost herauf.

Das Geschrei berührt die Rochen nicht. Stattdessen segeln sie der Sonne zu, beugen ihr Licht in Reflektionen, die über die Menschenschwärme schillern. – Nur einer bricht aus seiner Bahn.

Tausend Augen starren in den Himmel. Der Veteran spuckt Blut. „Kommt!“ Nur die, in denen Wut noch stärker brennt als Leben, folgen. Über ihnen glimmen wie zum Hohn Europas Sterne.

Wellen kräuseln übers Blau des Bauches. An den Flossen faltet sich die Haut, als wär des Rochen Fleisch verbrannt. Sie schlagen unter Qual und Schmerzen und die Knochen schreien stählern auf. Die Schnauze rammt in die Ruinen. In die Häuser kracht der letzte Schlag und wirbelt Asche auf. Wie Seetang hängt die Haut an ihm herab.

Der Veteran schultert sein Gewehr und pirscht zu der Kabine. Sein Rudel folgt ihm nach. In dutzend Augen lodert Wut. „Was soll der Dreck? Ihr sollt uns helfen! Habt ihr uns vergessen?“ Kolben drescht auf schwarzes Glas. Zwei Mal. Drei Mal. Bruch.

Moder quillt aus der Kabine und Maden fressen sich durch Haut. Ein Toter grinst sie höhnisch an, die Hand an seiner Kehle.

Nur die Instrumente pulsen noch mit letztem Licht.

Notpilot wird abgeschaltet. Absturzpunkt: Berlin.

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