Fetzenspur

Träge treibt er auf der Silbersee, der Himmel über ihm glutrot. Arian streckt seinen Arm hinauf. Erinnerung perlt daran hinab, riecht nach Zimt und schmeckt nach Plätzchenteig. Doch dann brennt Schmerz in seinen Finger, als spüre er Lin Strikers Kochlöffel erneut. Er grinst für den Moment, dann geht er unter.

Hierhin hat er nicht gewollt. Schuldbewusst friemelt er an den bunt bemalten Fetzen und schaut in die Augen zweier Ärzte. Die eine schweigt und starrt, der andre hockt vor ihm auf seiner Augenhöhe und lächelt traurig. Spricht mit ihm, als wäre er noch drei. Dabei kann jedes Kind sehen, dass es der Schimmel ist.

Arian schwimmt fort. Seine Finger krampfen um den Pinsel, als er das Papier Strich für Strich in Totengeld verwandelt. Seiner Mutter neben ihm geht es nicht besser. Wieder macht sie Pause und drückt seine Schulter, schaut ihm zu, eh sie die Scheine weiterfaltet. Vater soll kein Bettler sein, und wenn sie hundert Tage schuften.

Auf dem Friedhof schauen ihnen Leute nach und tuscheln miteinander. Wie Drachen folgen die Papiergeldketten, wehen im Schimmelflockenwind. Das kranke Grün fängt sich auf ihren Atemmasken und in ihren Haaren. Lin führt ihn zwischen den Steinstümpfen hindurch, ihr graues Trauerkleid an den Gelenken abgewetzt und schmutzig.

„Dieses Mal darfst du“, flüstert sie ihm zu und Arian spürt Tränen auf den Wangen. Nicht weit von hier heulen Sirenen und er will einfallen, aber er bleibt für seine Mutter stark, die schon wieder husten muss. Sie drückt das Feuerzeug mit dem MIT in seine Hände und hält die Gelddrachen über das Grab. Schein für Schein verbrennen sie. Er will nicht weinen, doch er muss. Arian schwimmt fort.

Und stemmt sich aus dem Schwimmbecken heraus. Die Menschen klatschen, aber nicht für ihn. Er ist nur Dritter in dem Rennen. In der Menge findet er Mutters Augen und ihre Scham lässt ihn erröten. Er sieht seine dürren Beine und krummen Zehen. Wie könnte er damit gewinnen?

In der Magnetbahn rauscht Berlin an ihm vorbei. Seine Haare sind noch nass, er will nur schnell nach Haus. Mutter sitzt neben ihm im grünen Businessdress und ihre Finger krallen seine Schulter. „Du hast mich beschämt“, sagt sie und sieht ihn nicht mal an. „Mich und deinen Vater. Du hättest Erster werden können.“

„Aber die Andren haben Schwimmergene, und -“

„Und nichts. Hast du jeden Tag trainiert? Hast du jeden Tag dein Bestes gegeben, Arian?“

Die Tränen kommen wieder, nur diesmal sitzt er fest. Ein Schluchzen schüttelt seinen Körper. „Es – tut mir Leid – Mama.“

Da sieht Lin ihn an, zupft ein Taschentuch heraus und tupft ihm die Tränen von den Wangen. „Nicht weinen, kleiner Kaiser. Sei stark. Bald kommst du in die Schule und ich bin nicht mehr immer da.“

Er spürt sich das Papiertuch greifen, doch jetzt schwimmt er nach oben.

Und taucht auf.

Arian öffnet seine Augen. In der Luft steht Schweiß. Ein leises Surren kühlt Maschinen, unterlegt vom Atem vieler Menschen. Er streift das Stirnband von dem Schopf. Knallrotes Plastik voller Drähte, die noch eben seine Stirn berührten. Er lässt es auf die Trage fallen und schiebt sich von ihr ganz still herunter, als könnte er jemanden wecken. Neben ihm murmelt ein Mann im Traum in einer Sprache, die er nicht versteht.

Er krallt sich an den Geländern fest, die aus den Wänden ragen. Ihm reichen sie zur Brust. Seine Beine schlafen noch und seine Arme sind aus Wachs. Er stemmt sich Schritt für Schritt zur Tür. Das Atmen schmerzt. Auch seine Füße. Arian sieht zurück zur Wand, die mit Kabeln wie mit Tang behangen ist und an der auf grauen Tragen die Erwachsenen liegen.

Nein. Die Tür gleitet auf. Draußen graut der Morgen. Kälte packt ihn, kaum dass er auf der Straße steht. Der Herbst ist schon gekommen und treibt die Schimmelflocken an. Er langt in seine Taschen. Tastet über Feuerzeug und Fetzen, und bindet seinen Mundschutz um. Der Atemzug schmeckt schal und dreckig, doch nach ihm lächelt Arian.

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