Exodus

Der Schnee schlägt in mein Gesicht, als wolle der Herr mich zurück ins Bett befehlen, wo ich bei Nacht auch hingehöre. Wärme lockt, als Tauwasser in meinen Stiefeln schwappt und meine Füße sich anfühlen wie eisgekühlte Schinken. Morgen würde ich zu Brotgeruch die Augen öffnen und hätte kuschelweiche Socken an den Füßen. Wenn ich gehen würde, wo ich hingehöre.

Ich schirme die Augen mit dem Fäustling ab und der Wollschal gefriert durch meinen Atem. Ich will nicht umkehren. Es wäre ohnehin zu spät. Gottes Tal liegt fünf Wegstunden, einen halben Berg zurück und der Schneesturm verschluckt alle Spuren. Mir bleibt der Lichtpunkt meiner Lampe, der vornewegflackert wie der Stern von Bethlehem. Folge mir, flüstert er. Folge mir.

Als erschiene hinter mir ein Engel, werfe ich zwei Schatten in den Schnee. Sie schrumpfen, viel zu rasch. Ich schrecke herum. Eine Kühlerfratze stiert mich an, die Lichter totenfahl. Der Laster hupt, mein Herz steht still und ich verharre wie ein Reh.

Wärme läuft an meinen Beinen hinab. Ich hechte zur Seite. Gesicht im Schnee. Eiseskälte gräbt sich unter meinen Schal. Reifen quietschen.

Ich rolle herum und sehe die Laterne im Weiß versinken. Die Radspur verfehlt meine Füße keinen Spann. Ich halte mein Herz in meinem Brustkorb fest. Wäre ich wirklich so gestorben? Fern der Heimat, mit nassen Hosen, von einem Laster überrollt? „Wärst du in die Hölle gekommen, wie alle sagen, Lucien?“

„Sag mal, du Scheißer! Was machst du um die Zeit auf der Straße?!“ Durch den Schnee stapft der Fahrer auf mich zu. Es knirscht bei jedem Schritt. „Dreck, ich hätt dich beinah umgefahren.“ Er trägt nur Karohemd und Jeans, zieht an dem Kragen, als wäre ihm heiß. Der Schweiß gefriert auf seiner Stirn und Flocken fangen sich in seinem Bart. Ein Auge scheint aus Quecksilber, das andre schmutzig blau. Alt ist er. Sicher über dreißig.

Ich rappele mich auf und rücke meine Schultern gerade. Hoffentlich sieht er nicht den Fleck, noch den Dampf, der davon aufquillt. „Ich will zum Bahnhof. In Saint-Vit.“ Meine Stimme zittert und ich kann nichts dagegen tun. Ganz tapferer Chevalier.

„Willst mich verarschen? Bei dem Scheißwetter zu Fuß durch die Alpen?“ Der Fahrer spuckt aus. „Ich bring dich hin. Erfrierst sonst noch.“

Habe ich eine Wahl? „Merci, Monsieur.“ Ich umkreise den Laster, steige auf der Beifahrerseite ein. Der Bezug scheint Leder, aber fühlt sich viel zu glatt und brüchig an. Wenn ich mich setze, stinkt er tagelang.

„Pflanz dich. Pisse kann man rauswaschen.“ Der Fahrer reißt die Tür zu und sieht mich an. Heiße Scham kriecht über meinen Hals. „Scheiße. Du bist noch nichtmal Achtzehn. Ausreißer, hm?“ Er langt nach hinten, drückt mir eine ausgeleierte Hose in die Hand. „Zieh an.“ Er deutet in die dunkle Koje hinter den zwei Vordersitzen, aus der Lampen hell wie Wintersterne funkeln.

Ich nicke einfach nur und krieche hinter. Durch die auftauende Nase rieche ich Zigaretten und den Duft von Kaffee. Meine Hosen streife ich ab, drehe mich weg, damit er die Blutergüsse nicht entdeckt. Doch er hat eh nur Augen für die Straße. Aus dem Rucksack zerre eine neue Unterhose. Sie liegen obenauf, eiskalt. Ganz anders als die Jeans, die wärmt wie frisch gebügelt.

„Sicher, dass du nach Saint-Vit willst? Kann dich auch in Routelle absetzen. Eltern anrufen. Dich abholen lassen. Siehst so aus, als wär das besser für dich, Kleiner.“

Meine Zähne kleben aneinander. Ich bedecke meine Blöße. „Ich weiß, was gut für mich ist.“ Die Jeans rutscht sofort von meinen Hüften. Selbst mit Gürtel wirft sie Falten. Wärme dringt in meine Glieder.

„Klar, im Schneesturm wegzulaufen ist ’ne Nova-Idee. Hast ja nichtmal Thermakleidung an. Mit dem Wollzeug erfrierst du doch schneller, als du Frankreich sagen kannst.“ Er hält inne. Das Quecksilberauge schaut mich an. „Wohin willst du?“

Der Schuh fühlt sich wie ein Anker an, als ich ihn überstreife. In den zweiten zwinge ich mich hinein. Kälte krabbelt von den Knöcheln aufwärts, lässt mich nicht los. „Berlin.“ Jetzt würde er lachen.

Wie von Gotteshand strömen mit einem Mal Elektroklänge von allen Seiten auf mich ein. Der Sound der Clubs von Berlin und Paris, wie sie ihn in Reportagen spielen. Lästerliche Videos, die ich nicht sehen sollte. „Das große B. Versteh. Und dann?“

Ich schiebe mich zurück auf den Beifahrersitz. Die Musik vibriert in meinem Bauch. „Je ne sais pas. Leben.“

Er schnaubt. „Hast sicher ’nen tollen Abschluss. Goldreferenzen.“

Mein Blick wandert von dem Quecksilber weg zur Schwärze, die mich durch das Seitenfenster angähnt. Ich lehne die Stirn an das kalte Glas und kann nichts erwidern außer Bibelverse.

Laternenlichter flammen in dem Dunkel auf. Routelles Ortschild zischt vorbei, halb verdeckt mit Schnee. Auch hier steht die Zeit still. Nicht wie in Saint-Vit an der Schnellstraße. Oder Zürich. Oder Berlin. Quecksilber und Blau sehen mich an. Mein Herz schlägt bis zum Hals. „Letzte Chance. Wegen dir dreh ich sicher nicht um.“

Ich schlucke. „Ich bin Sodomist, Monsieur, ich liebe Männer. Sie wissen nicht, wie das in Val de Dieu ist.“

Schweigen. Gleich würde er anhalten. Mich herauswerfen. Beschimpfen.

„Weiß ich nicht.“ Der Fahrer nickt. „Saint-Vit also?“

Ich atme aus. Ein Lächeln zupft an meinen Lippen. „Oui.“

Der Schnee schnellt uns entgegen, angestrahlt vom Laster. Es sieht aus, als würden Engelsfedern tanzen.

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