Birds of Prey, Birds of Peace

Hawk

4. April 2058, Tir Tairngire, Cara’Sir

„Verzeiht, Squire Llyfn, aber Ihre Lady ist nicht bereit, Euch den Wunsch einer Audienz zu gewähren. Sie empfiehlt Euch, Euer Anliegen des Tags in Ihrer geschäftlichen Kammer vorzutragen.“ Würde die Butlerin ihre Nase noch höher tragen, könnte es hereinregnen, schmunzelte Gwayne für sich. Türkisaugen strichen über seine modernen Kleider, als wären sie ein Kapitalverbrechen. Hingegen versteckte sie ihre Brüste unter einem Hosenanzug, was hier die wahre Sünde war.

Gwayne vermischte Ernst, Demut und Sorge wie ein Barkeeper zu ehrlicher Konsterniertheit, goss sie in seine Züge, ließ sie in seine Stimme fließen. Die Finger strichen mit dem Hauch der Nervosität die Falten seines Hemdes glatt. „Glaubt mir, nichts läge mir ferner, als die Ruhe der Lady Kerr zu stören, jedoch ist diese Angelegenheit von großer Wichtigkeit für sie. Es wäre ein Unglück, würde sie nicht hier und jetzt informiert werden.“

Ein Polaroid wie aus dem letzten Jahrhundert wanderte in seine Finger, gefaltet und mit Wachs versiegelt. „Bitte, lasst der Lady die Chance, dieses Bild zu betrachten und ihre Meinung zu ändern.“ Ein wenig Schmeichelei für das Ego der Butlerin wäre sicher kaum verkehrt.

Ihre Spinnenfinger griffen sich das Polaroid. Sie tippte mit dem Foto in ihre Handfläche, als handelte es sich um eine Reitgerte und bei ihr um eine Domina. Bei der Strenge ihrer Erscheinung brauchte sich Gwayne nur den Dutt hinzudenken. Er strich über seinen Handrücken, senkte das Haupt einen Ansatz. „Gut, aber ich warne Euch, sollte die Lady Kerr erneut ablehnen, werde ich Euch umgehend aus dem Haus entfernen lassen“, nahm die Irenis seine Demütigung an und wandte sich ab. Es war nicht an ihm, sie zurecht zu weisen. Gwayne ließ sich in einen der Baststühle des Foyers sinken, verschränkte seine Finger und blickte dem Hintern in diesem schrecklichen Hosenanzug hinterher.

Wie viele ihrer Standesgenossen hatte Lady Kerr für ihre Einrichtung aus Altertum und Tradition kopiert. Wandbehänge verherrlichten die Wildnis der Wälder, den Anmut ihrer Ahnen, den Stolz ihrer Sippe, als könnte sie auf einen Stammbaum von über dreißig Generationen zurückblicken. In Wahrheit war Lady Kerr noch jünger als Gwayne selbst, vielleicht in den späten Zwanzigern geboren. Wie würde er es genießen, ihr etwas Luft abzulassen.

Dabei besaß das Ehepaar Kerr größeren Einfluss, als man es ihrem Rang zugetraut hätte. Lord Daniel Kerr nahm die Adjudantenposition des Prinzen Dar Varfen ein. Und Prinz Varfen galt als einer der vom Hochprinz unabhängigeren Räte. Beide kannten sich seit ihrer Jugendzeit, was die Besetzung des Postens selbstverständlich nicht beeinflusst hatte. Hingegen gehörte Lady Ashlynn zum Zirkel der Prinzessin Maria Cinebal, der man nachsagte, im Geheimen eigene Ziele zu verfolgen, während sie in der Öffentlichkeit der Order des Prinzen folgte.

Aus diesem Grund hatte Gwayne sie gewählt. Er genehmigte sich noch einen Schluck des Eiswassers aus der gläsernen Schwanenkaraffe und faltete die Hände auf dem Bauch, die hellblauen Augen ruhten auf der mit einem Fließteppich überdeckten Treppe. Und er lauerte.

Nach vier Minuten kehrte die Butlerin zurück. In ihrer beherrschten Miene, die einer Statue würdig gewesen wäre, las Gwayne dank der Erfahrung von Jahrzehnten dennoch angemessene Verwirrung. Er erhob sich aus dem Baststuhl und strich nach jungenhafter Art seine Kleidung glatt. Ein vornehmes Lächeln ruhte auf seinen Lippen, aber er fragte nicht.

„Die Lady ist bereit, Euch zu empfangen, Squire Llyfn“, erklärt die Irenis, als hätte sie ihn nie abgewiesen. Doch das Beben ihrer Stimme, für den Ungeübten gar nicht vorhanden, verriet ihre unterdrückte Neugier und … Verachtung? Nun gut, mit derlei musste man rechnen, spielte man mit hohen Einsätzen.

Zum Ausgleich schenkte er ihr sein charmantestes Lächeln und verneigte sich. „Zu gütig.“

„Telegit thelemsa, Squire Llyfn“, grüßte die Lady Kerr ihn kühl. Trotz oder gerade wegen ihrer Kälte sah sie aus wie ein Abbild der Versuchung. Das Rabenhaar floss ihr bis zur Hüfte, ein rotes Seidenkleid schmiegte sich an ihren filigranen Körper. Ihre Augen erinnerten an die Wiesen und Wälder Irlands. Für Gwayne hatte sie sich nicht einmal die Mühe gemacht, sich von der Chaise Longue zu erheben.

Selbstverständlich erwiderte Gwayne den Gruß mit einer Verbeugung, die einer Prinzessin gebührt hätte. „Siselle. Thelemsa-ha, Lady Kerr.“ Er schätzte den japanischen Einschlag, den das private Audienzzimmer mit dem Kiesbett auf dem Mahagonitisch, den Sitzkissen, den Bonsaibäumchen besaß. Immerhin weniger antiquiert als das aus dem Mittelalter entflohene Foyer.

„Setze dich, Squire Llyfn und erkläre mir, was es hiermit auf sich hat.“ Ihre Stimme klang wie Eisnebel. Die blassen Finger der Lady warfen das Polaroid auf das Tischchen vor ihr. Es zeigte ihren werten Herrn Gemahl, wie er einen anderen Elfen mit Goldhaar und Bronzehaut gegen eine Wand drückte, und das eindeutig nicht zum Zwecke der Gewalt. Wie die Zähne in der Leidenschaft in seinen Hals bissen. Er war schon ein harter Deutscher, dieser Daniel Kerr.

Wie ihm befohlen wurde, nahm Gwayne auf dem Sitzkissen Platz, auf dem eine Allegorie des Rad des Lebens schimmerte. Selbstverständlich vertraute ihm die Lady Kerr kein Stück, aber es musste auch nicht viel mehr werden. „Mylady, es betrübt mich zutiefst, mit Euch ausgerechnet wegen dieser delikaten Angelegenheit in Verbindung treten zu müssen. Doch lasst mich Euch eine kleine Geschichte zu diesem Foto erzählen. Habt keine Furcht, ich werde mich kurz fassen.“

Gwayne ließ Stimme, Mimik, Gesik spielen. Unterwürfigkeit gepaart mit Bedauern und doch dem Funken Freude, das umschrieb das angebliche Geschehen am besten. Derweil durchbohrten ihn zwei Eislanzen aus waldgrünen Iriden. „Da Ihr Euch sicher nicht mit mir demütigen Knappen beschäftigt, möchte ich mich vorstellen, Mylady. Ich unterhalte vielerlei Kontakte innerhalb Cara’sirs, man bittet mich um diesen Gefallen, jene Vermittlung und ich erhalte dafür einen Ausgleich. Man könnte mich Merkur nennen, Amor, wenn man möchte, oder Minerva, wenn man mir ein anderes Geschlecht andichten will. Aus diesem Grund kam eben jener junge Mann hier zu mir.“

Er tippte mit dem Zeigefinger auf den Blondschopf. „Er fragte nach passendem Klientel für seine Beweise für die … nun, sagen wir, unangemessenen Umtriebe des jungen Lord Kerr, um sie zu Geld und Luxus zu machen. Nicht dumm, gar nicht dumm, die Informationen an politische Opponenten versteigern zu wollen, nicht wahr? So wird selbst ein einfacher Stricher zum wohlhabenden Mann, und eine mächtige Familie wie die Eure, Mylady, hat überall ihre Neider.“

Insgeheim fragte sich Gwayne, ob Lady Kerr wohl von den Vorlieben ihres Mannes gewusst hatte. Vorlieben, die in den hohen Standeskreisen Tir Tairngires mit seinem verqueren Naturkult ein Messer in der Brust waren. Wenn ja, verbarg sie es gut hinter der Maske aus Hochmut und Erhabenheit. „War Merkur nicht auch der Schutzherr der Diebe? Wir beide wissen, welches Gewicht ein primitives Polaroid in der Öffentlichkeit besitzt, Squire Llyfn. Keinerlei. Du selbst weißt sicher bestens über die Möglichkeiten der aktuellen Bildbearbeitungssoftwares bescheid.“

Ah, der erste Hieb in seine Richtung. Aber selbstverständlich hatte Gwayne daran gedacht, in Allem. Er legte sein Smartphone, das neuste Horizon mit Platinapplikationen, auf das Kiesbett. „Verzeiht mir, Bote schlechter Nachrichten zu sein, Mylady, jedoch handelt es sich bei diesem Polaroid mehr um einen Köder, der mir an die Hand gegeben wurde.“ Und er drückte ab.

Über dem Tischchen erschien ein Hologramm. Deutlich zeigte es Lord Daniel Kerr und den Goldschopf mit großen Ambitionen im Zimmer. Der Adelsmann riss dem kleineren Elfen die Kleider wörtlich vom Körper, warf ihn in die Matratze und … nun, den Rest der Vorstellung ersparte der demütige Squire der Lady, indem er das Bild abschaltete. Und da sagte man den Deutschen Kühle nach. „Ich habe es geprüft, Mylady. Wasserzeichen, Zeitangabe, digitale Zertifikate, die ohne jeden Zweifel echt sind. Dieser junge Mann war gründlich und das Material wäre, einmal in den Kreislauf der Matrix gelangt, Gift für Eure Lordschaft und – mit allem nötigen Respekt – wohl auch für Euch, Mylady.“

Die Wut in den Smaragdaugen war nicht gespielt. Lady Kerr hatte sich aufgesetzt, Langeweile und Herablassung flohen vor adligem Zorn. Weder schrie, noch tobte sie, aber ihre Lippen bekamen einen steinharten Zug. Gwayne weidete sich an ihrem Anblick. Welcher Umstand sie wohl genau zur Weißglut trieb? „Hab Dank für deine Loyalität, Gwayne. Nenne mir den Namen dieses jungen Ti-raé und ich werde dich belohnen.“ Die Geschmeidigkeit ihrer Stimme erinnerte ihn an eine jagende Raubkatze. Würde sie auf seine Spur kommen, wäre er geliefert. Er musste auf seine Genialität hoffen.

Zu seinem Glück war die Nobilität wunderbar ahnungslos. „Mylady. So sehr ich wünschte, Euch diesen Namen zu nennen, hält mich dreierlei davon ab. Zunächst stünde meine Glaubwürdigkeit als Connectionbroker auf dem Spiel, würde ich meine Klienten derart nachvollziehbar verraten. Zweitens teilte mir der junge Elf mit, er hätte Vorkehrungen getroffen, dass diese Dokumente und noch viel mehr veröffentlicht werden, sollte ihm auch nur ein Haar gekrümmt werden. Aber, zuletzt; ich weiß es schlicht nicht. Er handelte unter einem Pseudonym.“ Gestenreich untermalte Gwayne seine Beteuerung, neigte letztlich das Haupt und wandte den Blick von Lady Kerrs wunderbarer Mimik ab, die wenig verriet, aber ihm förmlich den Zorn entgegen spie wie eine Giftschlange.

Ihre Stimme glich kaltem Stahl, der sich an seine Kehle drückte. „Wenn Ihr rein gar nichts tun könnt, Squire Llyfn, weswegen tretet Ihr dann als wandelnde Verleumdung in mein Haus und wagt es, mich aufzusuchen? Wagt Ihr es wirklich, Euer persönliches Geschäft offen vor das Ansehen meines Hauses zu stellen, noch während Ihr in meinen Gemächern weilt?“ Ah, immerhin war sie dazu übergegangen, ihn als Ihresgleichen anzusprechen.

Jetzt kam der kitzlige Part. „Nun, Mylady, ich sagte nur, was die Tatsachen sind, nicht, dass ich zu nichts im Stande bin.“ Gwayne sah auf, das Haupt noch immer in Demut geneigt , fing den stechenden Blick der Smaragdaugen mit seinen. „Ich biete Euch an, das Rad des Lebens in Bewegung zu setzen, alle Hebel zu ziehen, die nötig sind, das alle Aufzeichnungen aus dem Äther und der Welt getilgt sind. Jedoch, Mylady, benötige ich dafür im Gegenzug die Hilfe und Unterstützung jemandes Mächtigen wie Euch und Eures Gemahls.“

Ah, natürlich hatte sie den Haken gespürt, schon bevor er sich in ihren Rachen gebohrt hatte. Ihre Kiefermuskeln traten im Ansatz hervor, ihre Fingerkuppen drückten sich aneinander. Nun hoffte Gwayne darauf, dass sich die Lady Kerr weniger auf ihren Stand als auf ihre Vernunft verließ. Das einzige Würfelspiel. Das einzige. Er betete zu allen Göttern. Irgendeiner musste ihn hören. Anderenfalls würde er sehr bald ohne Leben im Wilamette River treiben.

Sie ließ sich Zeit mit ihrer Antwort, und selbst als sie die Worte sprach, wirkten sie auf ihn so vertrauenserweckend wie er selbst. „Sagt mir, Squire Llyfn, was genau Ihr für Hilfe benötigt, und ich werde sehen, ob sie im Bereich des Möglichen liegt.“ Dünnes Eis. Nun dürfte er nicht zu frech sein, sonst würde sie ihm metaphorisch die Kehle aufschlitzen, doch auch nicht zu vorsichtig, sonst witterte sie Verdacht wie ein Terrier den Fuchs. Aber auch wenn er sich selbst nie geglaubt hätte, vertraute er auf seine Fähigkeiten.

„Die Schließung der Grenzen Tir Tairngires ist vielen meiner Klienten ein Dorn im Auge, Mylady Kerr. Man fürchtet schwerwiegende Konsequenzen für die Ökonomie unseres Landes, insbesondere seitdem das Embargo inkraft trat. In den Séirenis brodelt die Unruhe. Demonstrationen sorgen für Ungleichgewicht in unserem Land und meine Klienten sorgen sich.“ Kurz atmete Gwayne aus, legte tatsächlich die Worte mit großer Sorgfalt zurecht, eh er sie aussprach. Immerhin wollte er die Lady nicht noch weiter reizen – und das war nicht einmal gespielt. „Man ist sich einig, es wäre von unschätzbarem Vorteil, würden sich die Prinzen dafür einsetzen, dass die Schließung der Grenzen aufgehoben wird. Sowohl für die Nobilität als auch das einfache Volk.“

Natürlich verstand sie. Mit der Gemächlichkeit einer Katze legte sie sich zurück und faltete die Finger auf ihrem flachen Bauch, überschlug die langen Beine. Wie konnte Lord Kerr sie nur verschmähen – oder stellte sie ihn nur nicht zufrieden genug? Danach hätte Gwayne ihn fragen sollen. „Es sind Dinge, über die diskutiert werden müsste, wohl wahr, Squire. Und nun geh mir aus den Augen. Und nimm diese … diese Schmähung mit dir. Ozidano teheron, milessaratish. Imo medaron co versakhan.“

Gwayne griff sich sein Handy und stopfte es zurück in seine Jeans, erhob sich und verbeugte sich tief. „Ozedanit teheron, raegh. Imar medaron co versakhan.“ Selbst wenn er es gewollt hätte, das erleichterte Grinsen konnte er beim Herausgehen nicht unterdrücken.

„Mr. Llyfn. Wachen Sie auf“, weckte ihn eine helle Stimme in der Nacht. Die wohlige Wärme des Elfenweins verschwand. Eis kroch durch Gwaynes Rückgrat. Sofort richtete er sich in seinem Bett auf. Licht brannte, erhellte das moderne Zimmer mit seinen zum Kontrast antiken Skulpturenimitaten.

Zwischen ihnen stand ein Elf, der aussah wie ein Dieb. Trotz des dunkelblauen Nadelstreifenanzugs, der Aktenkoffer in der Linken, dem Bürstenschnitt wirkte er alles andere als offiziell, sondern besaß das Lächeln eines Kleptomanen, der seinen Zwang zur Berufung gemacht hatte. Eines aber war klar; dieser Mann wollte ihn nicht töten. Dennoch löste Gwayne den lautlosen Alarm seines Hauses aus. „Was tut Ihr in meinem Haus?“, blaffte er ihn an.

Der Elf lachte vergnügt, trat ans Bett und stellte die Aktenkoffer auf dem Fußende ab. Der Schelm funkelte in den Augen, die den nackten Gwayne unter seiner Decke maßen. „Vielmehr sollte ich Sie fragen, Mr. Llyfn, was Sie in einem Haus des Se’Har Maera zu suchen haben, oder allgemein in diesem Staat.“

Die Eiseskälte verästelte sich bis zu seinen Fingerspitzen. Sein Hirn hatte die Nachricht verstanden. Und auch wieder nicht. Er setzte darauf, sich mit Empörung herauszulavieren. „Wie bitte?! Das hier ist mein Haus! Ihr habt kein Recht, hier einzudringen! Hinaus mit Euch, eh ich Euch verhaften lasse!“

Der Koffer klickte, als der Elf ihn aufklappte. Die geschmeidige Hand glitt herein und zog ein Dokument hervor, auf dem das Siegel sowohl des Prinzenrates als auch des Hochprinzen Tir Tairngires prangte. Es fiel wie eine Feder auf die violette Seidendecke. „Da Sie nun wissen, wer mir meine Rechte erteilte, Llyfn, empfehle ich Ihnen, dass sie sich bereit machen und sich erklären lassen, in welcher Lage Sie sich befinden. Missverständnisse darüber wären äußerst bedauerlich. Ich werde auf dem Flur warten.“ Der Elf griff seinen Koffer und schlich auf Samtpfoten aus dem Zimmer. Die Tür fiel ohne Laut ins Schloss.

Verbannung des Squire Gwayne Llyfn. Die Überschrift des Dokuments brannte sich in Gwaynes Augen ein. Keine Drohnen waren gekommen. Er schnappte sich das Pergament und überprüfte es mit den Augen eines notorischen Lügners auf Fälschungsspuren, checkte die Wasserzeichen, die üblichen Fehler, die einem einem Urkundenmacher nun einmal unterliefen. Aber entweder es war von wirklich harten Profis gefertigt oder … Shit! Gwayne rappelte sich auf dem Bett auf, öffnete einen seiner Kleiderschränke und warf sich in seine besten Klamotten.

Sofort griff er sich sein Handy, tippte rasch eine Nachricht ein. Schickte sie ab. ‚Ich komme nach.‘ Zum Glück hatte er die Möglichkeit nie ganz ausgeschlossen. Aber ausgerechnet jetzt? Wo hatte er einen Fehler gemacht? Wo verdammt? Ob er noch Zeit genug hatte zu packen? Er wusste es nicht. Fuck!

„Mr. Llyfn, ich werde nun wieder hereinkommen, gleich ob Sie bekleidet sind oder nicht. Verzeihen Sie, jedoch duldet man in dieser Angelegenheit keinen Aufschub.“ Mit der Schamlosigkeit eines wahren Regierungsbeamten trat der Drecksack wieder in sein Zimmer. Die himmelblauen Augen musterten ihn. „Schick und zugleich flugtauglich. Gratulation, Mr. Llyfn. Ich schätze, sie haben Ihren Bescheid bereits überflogen?“ Er genoss es. Gwayne wollte ihn erwürgen oder die Kehle durchschneiden, oder ihm mit seinen Eiern das dreckige Maul stopfen. Er bebte vor Zorn.

Aber durfte sich nichts anmerken lassen. Er würde ihm keine Genugtuung gönnen. „Wie lange habe ich Zeit, zu packen?“

Wieder lachte der Kerl, als hätte Gwayne einen äußerst amüsanten Scherz gemacht. „Aber, aber, Mr. Llyfn, ich fürchte, Sie verstehen die Situation vollkommen falsch.“ Beiläufig strich er sich imaginären Staub von dem Anzug, pausierte. Tatsächlich ließ sich Gwayne dazu hinreißen, dass er wirklich falsch verstand, hier bleiben konnte. „Das war Ihre Zeit zu packen. Wir wollen natürlich keine Celésa sein, daher genehmige ich Ihnen, sich noch Ihre Credsticks herauszusuchen, aber dann müssen wir wirklich los. Ihr Flug wartet.“

Blut rauschte durch seine Ohren. Ohnmächtige Wut ließ seine Eingeweide kochen. Er neigte nicht zu Gewalt, aber jetzt … hätte er alles getan, diesen Kerl tot am Boden zu sehen. „Ihr könnt doch nicht …“ Silence hechtete zu seinem Bett, griff unter die Matratze, nach seiner Ares.

„Aber, aber. Gewaltanwendung sollten wir beide vermeiden. Und vergessen Sie nicht, Mr. Llyfn, uns läuft die Zeit davon. Oder fliegt, sollte ich besser sagen?“ Der Beamte gluckste und gleich, wohin Gwayne tastete, er fand seine Ares nicht. Drek! Gwyne stürzte sich auf den Mistkerl, holte mit der Rechten aus, zielte auf die Nase.

Schmerz ließ ihn zurückprallen, beinahe das Bewusstsein verlieren. Die Faust des Beamten hatte sich in seine Magenkuhle gegraben. Carromeleg. Scheiße! Er krümmte sich zusammen. Der Elf zog ihn auf die Beine. „Wie habt ihr mich gekriegt?“, presste Gwayne hervor. „Was habe ich falsch gemacht?“

Der Beamte lächelte. „Wenn ich das nur wüsste, Mr. Llyfn. Ihr Flugzeug wartet.“

Crow

5. April 2058, UCAS, Seattle

Die Geschwindigkeit, mit der man ihn abfertigte, in das nächstbeste und billigste Flugzeug in die UCAS absetzte, hatte Gwayne als gespenstisch empfunden, bis er sich in dem Frachtflugzeug Richtung New York zusammen gerollt und seinen Schlaf nachgeholt hatte. Mit schmerzendem Rücken, ein paar Unterlagen, seiner SIN und gerade einmal fünftausend Nuyen hatte er New York erreicht und die ersten tausend bei seiner Flugbuchung zum Seattle-Tacoma Airport verbraten. Erster Klasse verstand sich.

In der Maschine hatte er einen Mann bemerkt, der ihm aufs Haar glich. Durchschnittlich groß, hellhäutig, schlank, aber nicht dürr. Dieselben Augen in der Farbe von Saphiren. Die rabenschwarzen Haare halblang geschnitten und mit Punkrot und -grün durchzogen (was bei Gwayne fehlte), jedoch dezent genug. Dasselbe charismatisch-hübsche Gesicht mit dem leichten Stoppelbart. Andere Elfen hatten Gwayne wegen seines menschlichen Aussehens immer beneidet oder verachtet, viele beides gleichzeitig. Er hatte den Flug mit Flirten verbracht, letztlich sich mit seinem Doppelgänger ein wenig Quality Time auf in einer der Kabinen gegönnt. SimSinn-Sternchen. Dass es sowas immer noch gab. Er fühlte sich alt.

Noch während sie über den SSC geflogen waren, hatte Gwayne noch eine rasche Nachricht losgeschickt. ‚Bin in 30 Minuten am Seattle-Tacoma Airport. Gate 12. Warte auf dich.‘

Immerhin konnte er auf Ciana zählen. Er drückte die Stirn gegen das Bordfenster und überblickte durch die Smogwolke das funkelnde Seattle, als wäre er sein König.

Der pulsierende Sprawl zog sich im Abendrot bis in die nördlichsten Ecken der Bucht, die wie Blei unter dem Nebel lag. Kohlefarbene Regenwolken zogen vom Westen heran, während die Schlote der Fabriken ihre eigenen ausspuckten. Die berühmte Aztec-Pyramide wuchtete sich gen Himmel. Überall flirtten Lichter auf den Wolkenkratzern. In den berüchtigen Barrens jedoch flackerten nur einzelne Funzeln. Emerald City. Das schwarze Loch des Abschaums und des Drecks, der besonders dämlichen Glücksritter und besonders fähigen Schattenläufer.

Was sollte er hier tun? Er kannte niemanden, hatte weder Rang noch Einfluss noch Namen. In Big S war er ein Niemand. Sein halbes Dutzend an Freunden und Kontakten hielt ihn hoffentlich über Wasser, bis er einen Weg fand, hier zu überleben. Fast zwanzig Jahre hatte er in Cara’sir herumgehockt und unter der Aristokratie entlang gewirtschaftet. Seattle war da ein ganz anderes Pflaster. Es würde eine Scheißarbeit werden.

„Bitte schnallen Sie sich an, Mr. Llyfn, der Landeanflug beginnt“, erinnerte ihn eine Stewardess in einem Minirock, den nur ein Mann hatte entwerfen können. Gwayne schnaufte leise, ließ sich in den Sitz zurücksinken und war für den Ausblick auf diese Götterbeine dankbar. First Class Stewardessen hatten Stil.

Als sie fort war, massierte er über seine Schläfen. Was genau er tun konnte, müsste er sehen. Wie viel Geld von seinen Auslandskonten wohl noch flüssig war? Er hatte genügend beiseite gelegt für den Fall. Aber die Konten seiner Freunde, die der Rat verstoßen hatte, waren zum Großteil tiefgefroren gewesen. Auch Gwaynes Magen verklumpte sich zu Eis. Drek. Drek. Drek!

Ihm wurde übel. Eigentlich mochte er Fliegen, aber das Starten und Landen verdrehte seine Eingeweide jedes Mal. Das Beben des Flugzeugs ließ ihn erschauern. Er krallte sich in die Armlehnen seines Sitzes und hoffte, dass sein Doppelgänger genug mit seinem Drehbuch beschäftigt war, um ihn nicht weiter anzustarren. In solchen Momenten, wo ihn schon das Wackeln eines Flugzeugs erschütterte, hatte Gwayne nicht mehr als Verachtung für sich übrig. Seine blauen Augen starrten aus dem Fenster, er unterdrückte ein Würgen.

Als die Boeing gelandet war, stolperte er aus den Schlauchgängen durch das Gate 12. Ohne Gepäck reisen hatte etwas Angenehmes, zumindest musste er sich nicht zu den Kofferbändern quetschen. Licht durchflutete die gigantische Halle des Flughafens. Glas, Chrom und Stahl ließen beinahe jede Fläche glänzen und strahlen. Das Dach gaukelte Sonnenschein und einen Himmel in Azur vor.

In der Menge, die durch die Halle wimmelte wie ein Ameisenschwarm im Ausnahmeustand, erkannte er leider keine vertrauten Züge. In einem der Duty-Free-Shops besorgte er sich Zigaretten und Zippo, steckte sich eine an und strich wie ein gefangener Tiger um das Gate 12 herum. Immerhin erwartete sie ihn dort.

Drohnen schwebten durch die Luft, verlangten nach Angabe der SIN und diverse digitalen Visa. Sicherheitspersonal patrouillierte, je nach Perspektive beruhigend oder beunruhigend gut ausgestattet durch die Lobbys. Schon bald hatte Gwayne seinen ganz eigenen Putzroboter, der seine Zigarettenasche aufsaugte und dabei immer mit einem gequietschten „Entschuldigung!“ gegen seine Füße stieß. Mehr als einmal durfte er sich auch den alles sehenden Maschinenaugen identifizieren. Wo blieb sie nur? Früher hatte sie immer mit Pünktlichkeit geglänzt.

Zwei Gestalten in schwarzem Anzug kamen auf ihn zumarschiert. In einen Chromaschenbecher mit weißem Sand drückte Gwayne die Zigarette aus und straffte sich. Auf den Gesichtern von Troll und Ork zeigte sich Erleichterung. Eigentlich hätte Gwayne erwartet, dass Ciana ihn um der alten Zeiten Willen selbst abholte. „Mr. Llyfn? Bitte folgen Sie uns, Sie werden erwartet.“

„Wird auch Zeit“, murmelte Gwayne. Seine Augen strichen über die beiden Bodyguards. Der Ork besaß die typische Lederhaut seines Metatypus, wirkte in dem Anzug beinahe gepflegt, würde sein Gesicht nicht so einer Kartoffel ähneln und er mindestens doppelt so breite Schultern wie Gwayne besitzen. Damit wirkte er beinahe breiter als der Troll, der vor allem durch seine Höhe von sicher neun Fuß bestach. Nachtschwarze Sonnenbrillen versteckten beider Augenpaare. „Wo ist sie?“

Die beiden Hünen sahen sich kurz an. „In der Limousine.“ Flüchtig schwang Unsicherheit in der Stimme. Sie beschleunigten ihre ohnehin gewaltigen Schritte. „Verzeihen Sie bitte unsere Verspätung, Mr. Llyfn, aber wir haben Sie nicht sofort aufgefunden. Wir werden Sie unverzüglich zu Ihrer Agentin bringen.“

Agentin? Gwayne verengte für den Moment die Augen. War das vielleicht das falsche Empfangskommitee? Aber warum nannten sie ihn dann bei seinem Namen? Die parkenden Limousinen kamen in Sicht. Er blieb stehen, eh er einen Schritt in die falsche Richtung tat. Seine Augen huschten von Troll zu Ork, zurück. „Wie ist ihr Name?“

Wieder begegneten sich beider Blicke. Die Hand des Trolls schoss in die Anzugtasche. Gwayne warf sich zur Seite.

Scheiße! Er spürte stechenden Schmerz. Elektrizität jagte mit mehreren Ampere durch seinen Körper, fegte ihn um wie die Senste des Schnitters das Korn. Das Letzte, was er fühlte waren zwei Hornpranken, die ihn vom Boden schnappten.

„Was soll das heißen, den Falschen?“ Gwayne hasste Deja-vus. Schon wieder weckte ihn eine Stimme aus dem Schlaf. Als er spürte, wie sich kalter Stahl seine Handgelenke zusammenpresste, flossen die Erinnerungen zurück. Er unterdrückte ein Stöhnen, schlug den Drang, die Augen zu öffnen nieder. Und lauschte.

Die Frauenstimme ereiferte sich so verdammt laut, dass es in den Ohren schmerzte. Seine Muskeln fühlten sich an, als wären sie aus warmen Pudding. „Er sieht genauso aus wie auf dem Hologramm, das Sie uns geschickt haben, Johnson! Sowohl Gate als auch Zeitpunkt stimmten überein! Wie können Sie sich sicher sein, dass es der falsche Mann ist?“

Gwayne konnte nicht anders, als zu spicken. Nur einen Spalt breit öffnete er ein Auge. Auf dem Boden hatten sie ihn abgelegt, mit dem Rücken zur Wand. Es war eine Bruchbude, deren Putz an allen Ecken und Enden abblätterte und Schimmel ausspie. Über einem Campingklapptisch schwebte das Hologramm einer rigiden Dame mit Sonnenbrille. „Mr. Goldfarb nahm vorhin den Termin seiner Signierstunde wahr. Muss man Ihnen verdeutlichen, dass ein Star nicht unter Alias durch die Welt reist? Inzwischen befindet er sich im Sicherheitsnetz der Firma. Die Chance, ihn zu erreichen, ist vertan, Ladies und Gentlemen. Ihr Auftrag scheiterte und somit erhalten Sie keine Vergütung. Over.“

Das Hologramm klappte zusammen wie ein Fächer und verschwand in dem Hand auf dem Klapptischchen. „Große Klasse, Silence! Mach ’s nächste Ma‘ deine Beinarbeit ordntlich.“ Das war der Ork. Gwayne sah ihn zwar nicht, aber die Stimme erkannte er. Wie Schleifpapier. „Drek! Ich geh eine quarzen. Kommst mit, Scorp?“

Der Troll brummte. Gwayne sah die Hornpranke, wie sie kurz die Schulter der Elfe tätschelte. „’s schon okay, Schwesterchn. ’s war kein teurer Job g’wesen. Holn wir wieder rein.“ Das Grinsen erinnerte an Baumstümpfe zwischen zwei Bockwürsten. Der Troll schlurfte davon. Nur noch die Elfe befand sich in Gwaynes Blickfeld, doch schloss er lieber die Augen, eh sie bemerkte, dass er wach war.

„Ich hab gesehen, dass du wach bist.“ Ihre Schritte konnte er kaum auf dem Untergrund hören, aber er spürte, wie sie vor ihm in die Hocke ging. „Das ist natürlich Pech.“ Pech für wen, war hier die Frage. Wenn es wirklich Shadowrunner waren – was er stark vermutete – dann war die Anzahl an Möglichkeiten so breit gefächert wie das Amazonasdelta, vom Umlegen bis hin zum Wieder-am-Flughafen absetzen war alles drin. So wie sich sein Karma in letzter Zeit gegen ihn wandte, dürfte es Ersteres sein.

Hingebungsvoll murrend und stöhnend öffnete Gwayne die Augen und schob sich an die Wand zurück, um aufrecht zu sitzen. „Ich schlaf noch“, nuschelte er mit einer Stimme, als wäre er 3 Uhr nachts geweckt worden. Er schenkte ihr ein mattes Lächeln und die Andeutung eines Schlafzimmerblicks. „Wie spät ist es?“ Mit einer unschuldigen Frage beginnen. Freundlich sein. Und hoffen, dass er es nicht mit kompletten Bastarden zu tun hatte.

Wäre das Mädel so böse, wie es heiß war, hätte er jedoch ein Problem. Nicht, dass er sie schön genannt hätte, aber sie hatte Ausstrahlung. Karmesinrotes Haar wellte sich bis zu ihren schlanken Brüsten. Ihre Augen schienen einem Winternachtstraum entsprungen zu sein. Dazu adlig blasse Haut. Die Fetzen, die sie als Kleidung trug – dunkel, mit Neonfarben und Rissen gespickt – ließen sie wie eine Punkerin wirken. Egal, nackt wäre sie ein Traum.

Leider besaßen einige Frauen das Talent, einem anzusehen, wann man sie sich nackt vorstellte. Ihr Absatz stampfte zwischen seine Beinen, die Schuhsohle drücke gegen seinen Schritt. „Schlechte Manieren. Im Übrigen ist’s dreiviertel Elf, Gwayne.“ Scheiße! Sie kannten ja seinen Namen. Aus Reflex wollte er sich gegen die Schläfe schlagen, aber kam er dank der Fesseln nicht weit. Wo er eigentlich solche Spielchen mochte, turnte es ihn im Moment ziemlich ab.

„Kommt nicht wieder vor.“ Er zwang sich ein Lächeln auf. Das Eisen löste sich ein Stück von seiner Jeans. „Scheint so, als hättet ihr wenig Glück mit euren Verhandlungen gehabt.“ Zeit verschaffen. Er brauchte einen Plan. Wie könnte er diesen Runnern von Nutzen sein und ausbügeln, dass sie seinetwegen sicher ein paar tausend Nuyen weniger in der Tasche hatten? Dazu müsste er erst einmal wissen, warum zur Hölle man seinen Doppelgänger hatte entführen wollen. Auf Anhieb fielen ihm nur zwei Erklärungen ein; zum Verlust des feindlichen Konzerns oder als PR-Aktion. In Seattle von Shadowrunnern entführt zu werden hätte schon für ein wenig Rummel gesorgt.

Kurz spürte er die Stollen erneut in seinem Schritt, eh sie sich vor ihm in die Hocke niederließ. Spitze Ohren ragten aus ihren Wellen. Eine Elfe? Warum zur Hölle musste eine Elfe mit Orks und Trollen Shadowruns machen? „Bist aber auch nicht die hellste Lampe am Weihnachtsbaum, hm? Das Gespräch lief grottig. Das hätt selbst ein Tauber gehört. Ist die Frage, was wir jetzt mit dir machen, Gwayne Llyfn. Gibts deinen Namen auch in aussprechlich?“

Gwayne bemühte sich an einem entschuldigenden Lächeln, das so echt war wie Katzengold. „Llyfn. Einfach so. Mit ein wenig Übung geht einem das sehr leicht von der Zunge.“ Wieder wollte er seine Hände einsetzen um zu gestikulieren, aber die Fesseln hielten ihn fest an die Wand gepinnt. Silence‘ Lächeln wuchs in die Breite. Er brummte. „Vielleicht könnte ich Euch zu Geld verhelfen?“

„Denkst du, auf deinem Cred wär noch ’n einziger Nuyen? Und dein Kommlink bleibt auch hier. Muss zugeben, Geschmack für Technik hast du.“ In ihren Fingern drehte sich sein Horizon. Schamlos. Das gefiel ihm beinahe. Beinahe. Er rümpfte die Nase und zog die Beine in einen Schneidersitz. Die ließ ihn auch eiskalt gefesselt. Gut, sie wusste ja nicht, dass höchstens seine Zunge eine Bedrohung war.

Doch dass er nun ohne Nuyen in Seattle saß, färbte seinen Ausblick pechschwarz. „Ich meine neues Geld. Bisher seid ihr ja bei eurem Auftrag leer ausgegangen, aber überleg doch mal. Ihr habt bisher Sicherheitsaufzeichnungen vom Airport, die kleine Szene, wie ihr mich abgeknallt habt, ist sicher auch nicht unbemerkt geblieben. Und jetzt habt ihr mich und ich sehe diesem Goldfarb zum Verwechseln ähnlich. Daraus kann man etwas machen. Lass mich nur kurz überlegen, was. Sicher kann man da zumindest ein paar Tausender reinholen.“

Sie schnaufte und erhob sich. Ihre Miene blieb dabei so beherrscht wie möglich. Aber hatte er den Funken Hoffnung gesehen, der hinter ihren Iriden aufgeflammt war. Konnte er ihn zur Flamme hochfachen, hatte er sie in die Tasche. Dann müsste er nur warten und hoffen, bis Ciana aufkreuzte und sie sie loswurden. Gwayne schloss die Augen, atmete leise und wartete. Silence verließ den Raum. Einen Blick auf ihren Hintern konnte er nicht unterlassen.

Die zehn Minuten Zeit bis die Runner sich vor ihm versammelten, reichten, sich einen Plan zusammen zu stellen. Er erforderte einiges an Hoffnung und Glück, jedoch stand dabei niemandes Leben auf dem Spiel. Sowohl Orc als auch Troll erschienen mit der Elfe, sowie eine Zwergin – oder eher Gnomin, sie sah aus wie ein Kind. Erstere trugen schwere Panzerjacken, der Orc eine breite Kampfaxt und zwei Monofilamentschwerter am Gürtel. Der Troll führte das Arsenal einer kleinen Militärdiktatur mit sich.

Hingegen erweckte die Gnomin den Eindruck einer trübsinnigen und vercyberten Ente. Ihre Klamotte hielt sie in schlichten, dunklen Tönen. Als einzige der Gruppe hatte sie offensichtliche Vercyberung am kahlgeschoreren Schädel, den eine grüne Drachentätowierung schmückte. Cyberaugen, Datenbuchse, alles wunderbar sichtbar, wohingegen die anderen sich zumindest die Mühe machten, es zu verbergen.

Der Ork ging vor Gwayne in die Hocke und grunzte. „Silence sagt, du hast ’nen Vorschlag, eh? Damit wir dich nich ohne Kohle rauswerfn.“ Ein dreckiges Lachen kam aus seiner Kehle, dass ihn an ein getretenes Schwein erinnerte. Gwayne verzog keine Miene. „Sag ma, was du vorhas. Wir höarn.“

„Also gut. Die Sache ist im Grunde einfach und ungefährlich für uns alle.“ Seine blauen Augen strichen über sie alle, blieben länger an Silence hängen, die eine Hand auf ihren handbreiten Gurt gelegt hatte. „Ihr habt Sicherheitsaufzeichnungen, in denen ihr mich vom Airport entführt, richtig? Und das richtige Ziel ist noch immer auf freiem Fuß.“

Der Ork schlug mit der Faust auf den Boden und grollte. „Das wissn wir. Wenn de uns verscheißern willst, schmeiß ich dich gleich aus’m Fenster.“

Zur Vorsicht zog Gwayne seine Beine heran und setzte sich in einen Schneidersitz. Seine Handgelenke schmerzten wie die Hölle. „Ah, nein, ich möchte euch nicht verscheißern. Wenn ihr genau nachdenkt, habt ihr euren Auftrag erfüllt, daher möchte ich, dass ihr auch euren Lohn dafür bekommt. Deswegen überlegten ich, was genau der Johnson anstrebte, als er euch anheuerte. Es läuft letztlich darauf hinaus, dass man diesem Goldfarb Publicity herausschlagen wollte, indem man ihn entführen lässt. Ich wunderte mich ohnehin schon, weswegen er ohne Bodyguards und in einem öffentlichen Liner unterwegs war. Diese Situation wurde extra für Euch geschaffen.“

„Is ja klasse, dass du Hirn in deinm Schädel hast, aber ’s nützt uns bisher nix, kla? Spucks aus, oder du spuckst Blut.“ Der Ork ließ die Fingerknöchel knacken. Die anderen rührten sich kein Stück. Natürlich beeindruckte der Hüne ihn mit seiner Körpergröße und den Fäusten, die an Kinderköpfe erinnerten, aber seine Methoden einzuschüchtern gehörten so sehr in die Vergangenheit wie Lady Kerrs Foyer.

„Es ist simpel. Nehmt ein Entführervideo von mir auf und fordert Lösegeld, verkauft das Video selbst am besten an irgendeinen Klatschsender für ein paar Hunderter. Betont nicht den Umstand, dass dort draußen noch jemand herumläuft. Die Presse wird sich in Spekulationen zerreißen, was nun wirklich los ist. Ob ein paar idiotische Ganger sich den Falschen – eh, nichts gegen euch – geschnappt haben oder ob ein Doppelgänger dort draußen herumläuft und sich als Goldfarb ausgibt?“ Es tat ihm beinahe Leid, den armen Kerl der Presse zu verfüttern.

„Und so weiter. Natürlich müsste man dabei auf die Kulanz des Kons hoffen, denn sollte es nicht geplant worden sein, dass als PR-Kampagne zu vermarkten, gibt es kein Geld von den Johnsons. Natürlich gibt es nicht in vollem Umgang die Kohle und selbstverständlich solltet ihr euch maskieren. Dazu könnten wir ein paar Skandalfotos fälschen und an die Boulevardblogs verkaufen, wobei wir die vorher machen sollten, eh man weiß, dass ein Goldfarb-Double herumläuft. Es ist doch simpel, oder?“ Gwayne kramte ein Strahlemannlächeln aus der Kiste, voller Optimismus und Charme.

Was auf den Ork so viel Wirkung hatte wie Nieselregen auf Backstein. „Klingt nach Geld ohne Risiko, aber nich viel. Aber mehr als nix. Was glaubste, solln wir tun, wenn wir damit fertig sin, eh?“

Und ihn nicht mehr brauchten? Die Frage schwang im Unterton mit, selbst wenn der Ork seinem offensichtlichen Intellekt nach nie auf sie gekommen wäre. Auch dafür hatte Gwayne eine Antwort parat, die vielleicht dreist erlogen, aber nicht kompletter Humbug war. „Ich komme frisch aus New York. Wisst ihr, ich bin ein Shadowrunner wie ihr, nur habe ich mich eben auf Soziales spezialisiert. Vielleicht braucht ihr ja noch einen Mann, der ordentlich mit den Johnsons verhandelt oder Kontakte knüpft, um Informationen zu extrahieren, hm?“ Er versuchte, Kompetenz zu simulieren, aber ob sie ihm das abkauften, stand in den Sternen. Ob sie ihn brauchten, irgendwo anders. Aber es war die beste Chance – anderenfalls saugten sie sein Nuyenpotenzial aus und schmissen ihn eben dann und nicht davor heraus.

Erste Reaktion; Unglauben. Es folgte schallendes Gelächter von Ork und Troll, die beiden Damen schienen den Vorschlag zumindest im Ansatz in Erwägung zu ziehen. Aber Silence konnte sich wohl eines schmalen Lächelns nicht erwehren. Für den Momente presste er die Zunge gegen seine Zähne, seine Eingeweide rumorten, aber er erwiderte das Lächeln mit aller Ruhe, der er aufbringen konnte. Er hoffte.

Letztlich kehrte wieder Stille ein und der Ork grunzte noch mit gelegentlichen Lachern vor sich hin. „Machn wir erstmal das Moos. Danach könn’n wir schaun, was wir mit dir anfangn. Scorp, der Kerl hatte doch keine Waffn bei, oder?“ Der Ork schaute zum Troll, der schlicht den Kopf schüttelte. Ohne Sonnenbrille kamen kleine Schweinsäuglein zum Vorschein, die ihn doch etwas hässlicher aussehen ließen. „Keine einzige, Boar. Und ansonstn isser ja so harmlos wie ’n Vögelchen.“ Zumindest augenscheinlich, fügte Gwayne innerlich hinzu.

Es war Silence, die neben ihm in die Hocke ging. Ihre Augen verrieten – komm auf keine falschen Ideen. Ihre filigranen Finger öffneten seine Fesseln, hatte sie überhaupt einen Schlüssel benutzt? „Wie sollen wir dich nennen? Oder möchtest du weiter ‚Gwayne Llyfn‘ heißn?“ Wie sie sich über seinen Namen lustig machte. Schamlos. Runner und ihre Straßennamen.

Nur einen Moment überlegte er und erkor die Bedeutung seines Namens zum Straßennamen. „Nennt mich White Hawk.“

6. April 2058, UCAS, Seattle

White Hawk schlief die nächsten Stunden kaum – was ihn, dank Schlafregulator, nicht weiter störte. Neben ein paar Drüsen mit maßgeschneiderten Pheromonen, die einzig dem Zweck der Sicherheit (und des Spaßes) beendete das auch schon seine Implantatesammlung. Er hatte nie viel davon gehalten, seinen Körper mit Chrom vollzupumpen.

An diesem Tag hatte er das kleine Team um Boar, unter der Panzerjacke StreetSam mit Faible für Äxte, etwas besser kennen gelernt – was bei Gwayne hieß, er wusste eine Menge mehr.

Zuerst einmal war Boar gar kein so grässlicher Mistkerl, wie angenommen, wobei er ihn bei einer ironischen Bemerkung über seine Mutter schon gegen die Wand geklatscht hatte, dass er um seine Innereien fürchtete. Aber zahlte er – mit dem Rest seines Teams – etwa ein Zehntel der Ausbeute an diverse Pro-Meta-Organisationen und er selbst versorgte auch seine Mum im Orkuntergrund mit genügend Kohle, dass sie über die Runden kam. Seine Äxte hatte er nach seinen gefallenen Brüdern benannt und sicher drei Dutzend davon in dem HQ stehen.

Wenn Boar ein Axtnarr war, musste man Scorp einfach als Manischen bezeichnen. Da White Hawk über ein Händchen verfügte, was Metamenschen anging, konnte er den Troll – offensichtlich in irgendeiner Weise mit Silence verwandt – dazu bringen, ihm seine Waffensammlung zu zeigen. Ihm wurde erst danach bewusst, wie viele verdammte Knarren so ein Troll am Körper tragen konnte. Für seinen Geschmack eindeutig zu viele. Er passte recht gut ins Klischee des sanften Riesen, ging es um seine Schwester. Ansonsten war Gwayne froh, ihm nicht krumm zu kommen. Mit genügend Zeit könnte er ihn dreißig Mal durchlöchern, ohne einmal nachladen zu müssen.

Bei der Gnomin, Irina, handelte es sich wohl um die Riggerin der Bande. Sie hatte vielleicht drei oder vier Worte mit ihm gesprochen und selbst dann klang der russische Akzent durch die mechanischen Stimmbänder hindurch. Sie hatte bei einem Autounfall einst beinahe ihren halben Schädel verloren, hatte Boar erklärt. Sie kümmerte sich um die regelmäßige Wartung der Karossen des Teams; zwei Motorräder, ein schwerst bewaffneter Jeep und ein schnittiger Sportwagen in Nachtblau. Vor allem letzteren bewunderte er – es überraschte ihn kaum, dass er Silence gehörte.

Dass die ihn anschwieg überraschte ihn kaum, selbst wenn sie Talking gehießen hätte, wäre die Antipathie noch dort gewesen. Dabei hatte er an ihr das ehrlichste Interesse, und sei es nur, weil sie eine Elfe war. Aber sie behandelte ihn auf ihre Weise noch kühler als Irina, indem sie ihm keine Beachtung schenkte. Gwayne sah es als sportliche Herausforderung, während er sich genügend Vertrauen erschlich, um mit Geld abzuhauen.

Zugegeben, bis auf die sozialen Tänzchen der Tag war nicht sonderlich aufregend gewesen. Man hatte ihm für die Show eine Knarre an den Kopf gehalten und laut – selbstverständlich maskiert – die Forderungen in die Kamera gegrunzt. Silence hatte sich um die Auktion gekümmert, während sie dann White Hawk in verschiedenen Posen fotographierten; beim Verlassen eines Doll House, beim Koksen, beim BTL-Konsum (der wegen fehlender Datenbuchse das schwierigste darstellte). Natürlich durften die traditionellen Kotz-Fotos nicht fehlen. Sie wagten jedoch keine Bearbeitung, immerhin mussten die Wasserzeichen durch die Prüfung kommen.

Bis zum Abend, als sie wieder in das HQ zurückkehrten, hatte das Team wahrscheinlich circa dreitausend Nuyen ergaunert, eine respektable Summe. Immer hatte man Gwayne die Augen zugebunden und die Ohren mit Wachs verpropft, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass das auch funktionierte. Wären sie sorgloser gewesen, hätte ihn das irritiert bis erschreckt, aber sie ließen das gesunde Maß an Paranoia nicht missen.

Und etwa vierundzwanzig Stunden, nachdem man White Hawk von der Wand losgekettet hatte, lag er auf der Couch aus billigen Platikfasern und qualmte seine Zigarette. Die anderen waren schlafen gegangen. Die Türen zu knacken hätte Kenntnisse erfordert, die er schlicht nicht besaß, biometrische Schlüsser, Codeabfrage, Sicherheitsfrage. Nun ja. Aber er wollte auch niemanden von ihnen umlegen. Hemds und Hose hatte er sich entledigt, immerhin war das vorerst seine einzige Kleidung und er wollte sie nicht durchschwitzen. Kurze Zeit hatte er an dem Trid herumgespielt, aber das Ding flackerte nicht einmal mehr. Hoffnungslos heruntergekommen.

Was würden sie morgen mit ihm anstellen? Das Knappenleben hatte ihn gemütlich gemacht. Seine flexiblen Denkstrukturen hatten sich festgefahren wie die Adelsstruktur im Tir. Er zweifelte zumindest daran, dass sie ihn umlegten. Aber ihn ohne Geld in Seattle auszusetzen hätte denselben Effekt. Er wusste nicht einmal, wo Ciana wohnte.

Er hörte, wie sich Silence durch die Eingangstür schob. Als Deckerin hatte sie natürlich die meiste Arbeit übernehmen müssen, um mit den diversen Klatschblogs und Trid-Sendern zu verhandeln. Gwayne erhob sich vom Sofa, hob die Hand zum Gruß und lächelte. Sie sah blendend aus in dem nebelgrauen Trenchcoat. „Und, wie viel kam bei herum?“

Sie sah ihn kurz an, hob einen Mundwinkel mit einem Blick auf seine schwarzen Shorts. „Süß.“ Dann schälte sie sich in aller Seelenruhe aus ihrem Mantel. Süß. Sie wusste, wie man Männer ärgerte. Er verschränkte die Arme locker vor der Brust und lehnte sich rücklings gegens Sofa. Gut, verglich man ihn mit Boar und Scorp, war er wirklich süß. „Dreitausendvierhundertfünzig, noch ohne Abzüge. Nich viel, der gesamte Run hätte uns fünfzehntausend gebracht. Aber gemeinsam mit deinen viertausend Nuyen macht das die Hälfte. Auch wenn ich nicht glaub, dass der Johnson noch einmal anruft, könntn auch einmal fünf drinsein. Bist du immerhin nicht komplett nutzlos.“

White Hawk lächelte schlicht und ohne Schnörkeleien. „Tut mir Leid, dass ihr mich aufgelesen habt statt den Richtigen. Und das meine ich nicht ausschließlich wegen meiner beschissenen Lage.“ Er strich über seinen Handrücken und zerzauste sein Haar. „Ich bin sicher, du würdest mich noch am ehesten umlegen, damit ich nichts ausplaudere, hrm?“

„Du hast so viel Ahnung, richtig erschreckend.“ Sie schüttelte den Kopf. „Es würde uns in ne Menge Ärger sparen. Du bist ein Arschlochund ein Chauvi. Ich kenne Männer wie dich. Also versuchs gar nich erst.“

Gwayne breitete in Hilflosigkeit die Arme aus. „Dann klär mich auf, Silence. Ich bin ganz Ohr, oder willst du mich ewig anschweigen?“ Er übte sich an einem ratlosen Lächeln, als wäre sie ein komplettes Mysterium für ihn. Aber er kannte genügend Frauen, um zu wissen, dass sie die kalte Schulter nur vorspielte.

Sie schritt auf ihn zu, legte in einer blitzschnellen Bewegung die Hand auf sein Brustbein und stieß ihn nach hinten. Er fiel in die Plastikpolster und hatte nicht einmal die Zeit, überrascht zu sein. Blinzelnd lag er rücklings da, während Silence sich über die Rückenlehne beugte. Um wenigstens etwas Stil zu bewahren, zog White Hawk die Beine zu einem Schneidersitz heran und verschränkte die Finger im Nacken.

„Zugegeben, du bist ein hübscher Mistkerl.“ Die Ellenbogen stützten sie auf der Lehne ab, sie zog die Brauen zusammen. „Aber du bringst Ärger. Ich wär dafür, dich einfach irgendwo abzuladen und ziehen zu lassen. Wir legen niemanden um.“ Ihre Stimme bekam dabei den festen Klang von Eisen, obwohl sie leiser sprach.

Zumindest genügte es, Gwayne hellhörig zu machen. Er befeuchtete seine Lippen, stützte sich hinten mit den Händen auf. „Also sind die ganzen Knarren und Äxte wohl nur dazu da, um cool auszusehen, ich kapier das schon. Ihr seid nur arme Geschöpfe, die von allen missverstanden werden.“

Der Blick, den er dafür kassierte, schnitt sich wie Monofilament in seine Augen. „Betrachtet man die Dinge einfach, könnte es so wirken. Aber nur, weil man jemandem eine Pistole vor die Brust hält, heißt das noch nicht, dass man wirklich abdrücken möchte, selbst wenn es immer möglich ist, dass die Umstände einen zwingen.“

Ah, eine Pazifistin. Süß. Er lupfte eine Braue, ließ den Spott aus der Stimme und den Augen, soweit er konnte. „Ich habe noch nie eine Pazifistin getroffen.“ Was nicht stimmte. „Aber ich hätte wohl am allerwenigsten vermutet, eine in den Seattler Schatten zu finden.“ Was durchaus ungelogen war. „Ich meine, steht das nicht ein wenig diametral zu den Methoden deiner Kollegen und deinem Einsatzziel?“

„Würden wir Wetwork annehmen, würdst du nich auf ner Couch rumliegen, sondern dein Hirn irgendne Wand vollsiffen. Und glaub nicht, nur weil ich unnötige Gewalt ablehne, zöger ich, nötige einzusetzen, hm?“ Sie pustete sich eine ihrer roten Strähnen aus dem Gesicht, die wie Schlangen über das Polster krochen und mit den Spitzen über seine Unterschenkel kitzelten. „Ich bin vielleicht eine Diebin, eine Hackerin und eine Entführerin, aber ich töte niemanden kaltblütig. Mir ist das wichtig. Dass ein aalglatter Drecksack wie du das nicht versteht, war mir klar. Du würdest unsere Köpfe auf ’nem Silbertablett serviern, würdest du hier rauskommen, stimmt’s?“ Kurz linste sie gen Tür, lauschte. Ein Klicken? Gemeinsam schwiegen sie, sie checkte über das Kommlink die Überwachungskameras, aber schien nichts zu finden.

Ihre Blicke trafen sich wieder. „Das würde ich nicht.“ Und er meinte es ernst. Irgendwie. Bisher hatten sie genügend Gelegenheit gehabt, ihn loszuwerden, nachdem sie Geld gescheffelt hatten, aber das Blei hatte sich bisher von seinem Hirn ferngehalten. „Ihr seid das Einzige, was ich in diesem verdammten Sprawl habe, hrm? Wäre reichlich dämlich, euch auszuliefern.“ Vielleicht war das nicht einmal derart gelogen. Ciana hatte sich seit New York nicht mehr gemeldet. Leider kannte er ihre Nummer auch nicht auswendig. Würden sie ihn absetzen, wüsste er zwar, dass sie sich hier irgendwo tummelte, aber er könnte sie nicht erreichen.

Sie grinste wie eine Katze. „Und du hältst dich für so besonders, aber du bist nicht besser als irgendein Opportunist aus ’n Barrens. Würdst alles tun um zu überlebn, hm?“ Sie konnte aber auch anhaltend mit ihrer Verachtung sein. Noch ein Blick gen Tür.

„Ich bin besser. Immerhin sind sie in den Barrens und ich bin hier. Ist doch eine Auszeichnung, oder?“ White Hawk befeuchtete seine Lippen und schenkte ihr sein charmantestes Lächeln, das an ihr so viel Wirkung zeigte wie an Titanstahlblöcken. Ah. Sie sollte wirklich entspannter werden. „Bist du eigentlich eine Lesbe?“

Sie lachte, immerhin. Es war nicht das herzlichste Lachen und ihm ganz sicher nicht wohlgesonnen – aber sie lachte. „Weil ich mir dich nicht um den Hals werfe, Hawk? Das tue ich nich, weil du ein Mistkerl bist, nicht weil ich nich auf Männer stehe. Wobei du eher ’n Junge bist. Du hast nich mal Haare auf der Brust.“ Silence hob einen schneidenden Mundwinkel. „Übrigens dacht ich, alle Elfen wären schwul, hn?“

„Wie du schon so richtig bemerkt hast; Elf. Für gewöhnlich haben wir keine Haare auf der Brust, dass ich einen Bart habe, ist schon gut genug. Davon ab, Kleine, bin ich sicher doppelt so alt, wie du. Und du bist wirklich interessant – und sag nicht, ich wäre uninteressant, hm? Das wär glatt gelogen.“ Gwayne richtete sich ganz in den Polstern auf, sodass sie sich nun wieder auf einer Augenhöhe befanden.

„Süß, wie du dich abstrampelst. Aber nein, du bist ein Mistkerl und ich bin froh, wenn wir dich morgen los sind, Gwayne.“ Sie warf ihm seine SimCard und ihr altes Handy – das kaum schlechter war als sein ehemaliges Horizon – in den Schoß. „Damit du nich komplett abgenabelt bist, hrm? Und jetzt leg dich hin. Ich check nochmal draußen nach.“

Er griff das Handy, strich über das Display, warf es auf den Tisch zu seinen Klamotten. „Danke, Silence.“ Er reckte ihr seine Hand entgegen. Sie stockte, und dann reichte sie ihm tatsächlich ihre Hand. Ihre Haut fühlte sich an wie Marmor.

„Eigentlich hast du es nicht verdient, ab -“ Mitten im Wort brach sie ab.

Ein Zucken durchfuhr ihren Körper.

Blut sickerte aus ihrem Brustkorb. Direkt auf Herzhöhe.

Ihre Augen brachen, wurden Glasmurmeln.

Ihr Körper erschlaffte, fiel über die Couchlehne direkt auf Gwayne.

Jemand trat mit lautem Krachen die Tür ein.

White Hawk hörte Stimmen, aber er starrte nur in Silence‘ winterblaue Augen, die vorwurfsvoll zurückstarrten.

Das Lächeln auf ihren Lippen.

Nicht einmal Cianas Stimme löste seinen Schock.

Dove

7. April 2058, UCAS, Seattle

„Alles in Ordnung?“ Ciana schlenderte über ihren chinesischen Läufer und drückte ihm das Glas mit Bourbon in die Hand. Ihre dunklen Augen strichen besorgt über Gwayne. Mit ihrer Steckfrisur wirkte sie wie die geborene chinesische Gesellschafterin. Trotzdem konnte er ihr kaum in die Augen sehen.

„Alles okay“, log er und nahm einen Schluck aus dem Glas. Es hatte so ewig gebraucht, Silence‘ Blut von seiner Haut zu schrubben. Er hatte nicht gewagt, sich die Leichen der anderen anzusehen. Er fühlte sich wie eine Kakerlake. Seltsam. Früher war er nie so sentimental gewesen, als es hart auf hart kam. Warum zur Hölle hatte Ciana sie gleich umlegen müssen?

Aber das letzte Mal war zwanzig Jahre her. Noch einen Schluck. Das Brennen des Alkohols riss ihn aus seiner Taubheit und hüllten ihn in eine wohligere. Nur langsam blickte er zu Ciana. Die Elfe saß neben ihm, eine Hand ruhte auf seiner Schulter.

Die Fragen mussten sich in seinen Augen spiegeln. „Ich habe die Aufzeichnung in den Abendnachrichten gesehen und dich erkannt, Gwayne. Ich meinte, sie hätten den falschen Mann entführt und wollten nun dennoch Lösegeld erpressen. Also kontaktierte ich einen Decker, der nach Informationen fischte, heuerte ein paar Ancients an und dann suchten wir nach dir. Hätte ich gewusst, dass dir an dem Mädchen etwas lag, hätte ich sie nicht töten lassen. Du hättest mir schreiben sollen, dass sie dir nicht an den Kragen wollen, dann hätte ich gewartet.“

„Mir lag nichts an der Kleinen.“ Was nicht stimmte. Irgendwie. Langsam drehte er den Bourbon in den Fingern und betrachtete sein Spiegelbild. „Hätte ich die Chance gehabt, dir zu schreiben, hätte ich es getan. Ihr Pech.“ Gwayne nahm noch einen Schluck, leerte seinen Schädel und schloss die Augen. Bei allen anderen Runnern hätte er nicht überlebt. Sie war tatsächlich freundlich zu ihm gewesen, hielt zu ihren Idealen, trotz allem. Er hatte sie gemocht. Und jetzt … Er kämpfte Tränen nieder. Vor Ciana wollte er nicht weinen.

„Tut mir Leid. Lass uns nicht weiter drüber reden. Wie viel bin ich dir schuldig? Wie kann ichs arbarbeiten?“ Er rieb sich über die Schläfe und stellte das Bourbonglas locker auf dem Oberschenkel ab.

„Fünftausend kosteten mich die Ancients, tausend der Decker. Es wird dich freuen zu hören, dass ich neben dem Schmuggel noch ein zweites Standbein aufgebaut habe.“ Sie erhob sich von der Couch und ging zu Bar, um sich selbst einzuschenken. „Schattenarbeit. Etwa das, was deine Entführer erledigten, wenn auch auf höherem Niveau. Kleine Fische, niemand wird sie vermissen.“

Wieder starrte Gwayne in sein Glas und befeuchtete die Lippen. Er erinnerte sich an Silence‘ Worte. Immerhin tötete sie niemanden kaltblütig. Ihm wurde übel, wenn er Ciana so reden hörte. Aber er würde sich keine Blöße geben. Nicht vor seiner ersten Liebe. „Ich werde sehen, was ich tun kann, Ciana. Gib mir einfach ein paar Aufträge und du bekommst den kompletten Erlös, bis wir quitt sind. Aber du weißt ja, dass ich alles andere als eine Kämpfernatur bin, bitte beachte das.“ Ganz geschäftsmäßig.

„Keine Sorge.“ Sie lehnte sich rücklings gegen die Bar. „Die meisten Runs, die bei mir eintrudeln, sind allein und ohne größere Feuerkraft machbar. Größtenteils Schmuggel aus den NAN, Datenklau und Attentate. Wenn ich mich recht entsinne, dürfte das kaum ein Problem sein, wenn ich dir entsprechende Requisiten und Kontakte an die Hand gebe.“ Attentate. Darauf hatte Gwayne jetzt Lust. Er kippte den restlichen Bourbon hinter.

„Mhrm. Klingt gut. Schieb mir beizeiten einmal einen Auftrag rüber, am besten Datenklau, irgendwas Harmloses für den Einstieg. Ich bin eingerostet, glaube ich.“ Wieder hörte er Silence‘ letzte Wortfetzen. Er schob das Glas auf den Couchtisch, legte sich nach hinten und verschränkte die Finger hinter seinem Kopf. „Von den Attentaten und ähnlich brenzligen Kram möcht ich erst einmal die Finger lassen, okay?“ Er griff in seine Hosentasche und zog die Zigarettenschachtel hervor. Eine Lucky Strike wanderte zwischen seine Lippen, er fingerte nach dem Feuerzeug und entzündet sie. Langsam wanderte die Glut herab, verkohlte Tabak, Papier, diverse Zusätze. Er murrte kehlig.

„Bei dir ist wirklich alles in Ordnung?“ Ciana ließ einen Tonaschenbecher auf seinen Bauch fallen. Gwayne brummte. „Früher konnte man sich über alles bei dir beklagen, jedoch nie über mangelndes Selbstvertrauen. Ich bezweifele ernsthaft, dass sie etwas Handfestes in Tir hatten, um dich herauszuwerfen. Du weißt, wie arkan die Ein- und Ausbürgerungsgesetze sind. Hättest du tatsächlich etwas bewirkt, könnte man dich als Held für Tir sehen, dafür hast du eben viel aufs Spiel gesetzt.“

„Du brauchst mich wirklich nicht zu bemuttern.“ Das wäre das letzte, was Gwayne wollte. Jetzt brauchte er zuallererst Ruhe. Er lächelte ihr schief herauf. „Ist nicht das erste Mal, dass ich ein totes Mädel in den Armen halte. Nur das erste Mal seit … langer Zeit.“ Mit den Füßen schob er sich auf der Couch ein Stück herauf und aschte ab. „Ich würd dann gern ne Runde schlafen, kay?“ Er schenkte ihr ein Lächeln und zerraufte sich kurz das Haar.

Ciana nickte. „Mach es dir gemütlich. Ich würde dir ja ein Gästebett anbieten, hätte ich eines. Morgen besorgen wir erstmal die nötigen Werkzeuge, damit du als Runner durchgehen kannst. Mir hatten sie wenigstens noch Zeit gegeben, meine Sachen zu packen. Du hast wirklich ziemliches Pech.“ In der Tür wandte sie noch einmal den Blick. „Ach ja – unter welchem Namen soll ich dich vorstellen?“ Runner und ihre Straßennamen.

Wieder überlegte Gwayne nur einen Augenblick. Er drückte die Zigarette im Becher aus und schloss die Augen. „Nenn mich Silence.“

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